Was ist Kunst?
Plädoyer für einen psychologisch-anthropologischen Kunstbegriff aufbauend auf der Entwicklungstheore von Jean Piaget.
Vorgeschichte
Mit Geklapper und Getöse hielt die Moderne in unsere Familie Einzug. Dies, als anlässlich der Landesausstellung 1964 mein Vater und mit ihm wohl viele Vertreter meiner Elterngeneration durch die Konfrontation mit dem Werk «Heureka» von Jean Tinguely zum ersten Mal mit «moderner Kunst» konfrontiert wurden. Mein Vater verlor komplett die Fassung und über Tage versuchte er uns zu überzeugen, dass dieser schlecht montierte und ratternde Blechhaufen nichts mit Kunst zu tun haben könne. Immerhin hat er mit seiner Polemik bei uns Kindern den Samen gelegt, uns die Frage «Was ist Kunst» immer wieder zu stellen.
Im Folgenden soll versucht werden, mit Hilfe eines psychologischen Zugangs etwas zur Klärung des Begriffs beizutragen.
Vorab gilt es meines Erachtens, drei verschiedene Perspektiven des Phänomens Kunst zu unterscheiden. Der Einfachheit halber nenne ich sie hier: die Kunst des Künstlers, die Kunst des Betrachters und die Kunst des Marktes. Zur zweiten und dritten Betrachtungsweise wurde bereits ausreichend Denkmaterial produziert und veröffentlicht und ich möchte mich hier ausschliesslich dem psychologisch-anthropologischen Ansatz, der «Kunst des Künstlers“ zuwenden. Dies in der Hoffnung, dass die Ergebnisse meiner Arbeit auch Implikationen für die zwei weiteren Bereiche bergen.
Das freie Spiel des Kindes
als Grundlage für Kunst
Als Unterrichtender in den Bereichen der Erziehungs- und Bildungswissenschaften habe ich mich schon früh mit den Themen Spiel und Kunst auseinandergesetzt und habe mich dabei auch des Werks «Nachahmung, Spiel und Traum» von Jean Piaget bedient, welches mir bereits in meiner Studienzeit aufgefallen war. Piaget zeigt in diesem Buch auf, dass sich der Gegensatz von Anpassung an Bestehendes einerseits und Drang zur individuellen Freiheit andererseits bereits innerhalb der Entwicklung des Kindes manifestiert. Der Autor hat uns dazu einen Lösungsvorschlag hinterlassen, welchen ich im Folgenden kurz vorstellen möchte. Piaget beschreibt die Entwicklung des Kindes als schrittweise Anpassung an die das Individuum umgebende Lebenswelt. Die Suche nach dem Gleichgewicht zwischen Anpassung an vorhandene gesellschaftliche Normen, Gesetze und Regeln und dem Drang nach individueller Freiheit benennt er mit den Begriffen «Assimilation» und «Akommodation»:
«Wenn der Intelligenzakt ein Gleichgewicht zwischen Assimilation und Akkommodation erreicht, während die Imitation nur die Akkommodation fortführt, kann man umgekehrt sagen, dass das Spiel im Wesentlichen Assimilation ist oder dass die Assimilation die Akkommodation hier überwiegt.»
(Piaget 1996, S 117)
(Piaget 1996, S 117)
Dieses Unterwerfen strebt immer nach Freiheit, nicht nach Einschränkung. Dabei kann im kindlichen Spiel auch Vieles zu Schaden kommen, seien es Gegenstände, Tiere oder Menschen. Das Kind orientiert sich bei seinem Spiel nicht an moralischen Prinzipien sondern nur an seiner Lust, mit den Objekten in freier Weise umzugehen, sie sich nach seinen Wünschen und seinem Willen zu unterwerfen, über sie zu herrschen, sie zu beherrschen. Die Eltern und weitere Erziehungspersonen haben in der Folge die Pflicht, Grenzen zu setzen und Regeln einzuführen. Dies alles mit Mass: es muss dabei sowohl auf die Interessen des Kindes, seine Kreativität und seinen Freiheitsdrang, als auch auf die Interessen der Gemeinschaft Rücksicht genommen werden. Die Interessen der Gemeinschaft manifestieren sich beim Kind in der Folge als Normen und Gesetze.
Leider hat bei Piaget in der Folge das freie Spiel des Kindes in der Welt des Erwachsenen seinen wichtigen Platz nicht gefunden. Immerhin äussert er sich kurz dahingehend, dass dieses freie Spiel des Kindes dann als Regelspiel in die Arbeit des Erwachsenen übergeht:
«Wir haben gesehen, dass das Regelspiel eine Schwächung des kindlichen Spiels und einen Übergang zum Spiel des Erwachsenen einleitet, das nun nicht nurmehr eine vitale Funktion des Denkens ist, weil das Individuum sozialisiert ist.»
(Piaget, 217)
(Piaget, 217)
«……und es (das Spiel) tendiert darüber hinaus zum Sieg des Individuums über andere. Aber diese Befriedigungen sind sozusagen „legitim“ geworden, legitim durch die Regeln des Spiels, die den Wettkampf in einer allgemeinen Disziplin, in einen Ehrenkodex und in ein «fair play» einbettet.»
(Piaget, 217)
(Piaget, 217)
Freies Spiel und künstlerische Tätigkeit sind meines Erachtens von ihrer Struktur her identisch. Im freien Umgang, dem Unterwerfen und Meistern von Gegenstands-, Sprach- und Denkwelt entsteht Neues und in der Perfektion desselben entsteht Kunst. In diesem Sinne ist auch jeder Erfinder potentieller Spieler und Künstler.
Der Künstler befindet sich in einem stetigen Kampf gegen alle Forderungen nach Anpassung der umgebenden Gesellschaft oder wie es der Regisseur Pedro Almodóvar nach Emmanuel Carrère in einem Interview passend formuliert:
«Jeder Künstler stellt eine Gefahr für sein unmittelbares Umfeld dar, weil er alles um sich herum seiner
Inspiration unterwirft.»
(Berner Zeitung,22.7.2026,19)
Inspiration unterwirft.»
(Berner Zeitung,22.7.2026,19)
Kunst und Ästhetik,
Kunst und Moral
Beim Nachdenken über diesen psychologisch-anthropologischen Ansatz zu den Phänomenen Spiel und Kunst bleiben Begriffe wie Ästhetik und Moral weitgehend auf der Strecke. Meiner Ansicht nach berechtigterweise. Sowohl moralische als auch ästhetische Prinzipien sind abhängig von der das Individuum umschliessenden Gemeinschaft, von den kulturellen Gegebenheiten, in welche es gesetzt wird. Ein allgemeiner Kunstbegriff lässt sich daraus nicht ableiten. Ästhetische Prinzipien dienen uns - ob bewusst oder unbewusst eingesetzt - als mögliche Werkzeuge sowohl bei der Produktion wie bei der Rezeption von Kunst.
Ausgehend von den Thesen von Piaget kann abgeleitet werden, dass ein Kunstwerk nur dort entstehen kann, wo der Künstler in möglichst grosser Freiheit mit seinen Gedanken, mit seiner Sprache und mit den Objekten der physischen Welt experimentieren kann. Dort, wo die Anpassungsleistungen im Vordergrund stehen, seien dies Anpassungen an ästhetische oder moralische Prinzipien, vor allem aber auch an schulische Vorgaben, was als Kunst zu betrachten sei, kann Kunst nicht entstehen. Ein Schaffender, der nach links und nach rechts schaut, sich bestimmten Modetrends anpasst, wird so im besten Fall zu einem guten Kunsthandwerker aber nie zu einem wahren Künstler.
Wenn wir diese Ausführungen zu Ende denken, war Neros Kunstwerk das brennende Rom, war Hannibal Lectors Kunstwerk im Film „Das Schweigen der Lämmer“ das mit seinem Opfer gemeinsam verspeiste Gehirn, war Oppenheimers Kunstwerk die Atombombe und aktuell die Rakete Starship auf dem Weg zum Mars zum grossen Kunstwerk des Tec-Milliardärs Elon Musk.
Oder wie Giuliano da Empoli in seinem Werk «Der Magier im Kreml» seinem Protagonisten Wadim Baranow in den Mund legt:
«Wenn man es recht bedenkt», führ er fort, «war die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts im Grunde nichts anderes als ein titanischer Wettstreit zwischen Künstlern. Stalin, Hitler, Churchill. Dann kamen die Bürokraten, denn die Welt brauchte eine Pause.»
(Da Empoli, 27)
(Da Empoli, 27)
Nicht der Künstler hat die Aufgabe, sich Grenzen zu setzen! Dies sind die Aufgaben des Gemeinwesens, des Staates. Wenn sich der Erfinder, der Komponist, der Kunstmaler an gesellschaftlich gegebenen moralischen und ästhetischen Prinzipien orientiert, sind der Kunst zum Vornherein allzu enge Grenzen gesetzt. Um vom Gemeinwesen her Kunst zu fördern, muss es dem Künstler erlaubt sein, für kurze Zeit den kategorischen Imperativ von Kant zu sistieren und frivol ausgedrückt „über die Grenzen zu schlagen“.
Hier setzt die diffizile Aufgabe des Staates ein, die Auswüchse der Kreativität des Einzelnen zu beschränken ohne die Zukunftsträchtigkeit des Künstlers und der Kunst zu behindern. Er erhält dieses fragile Gleichgewicht mit dem Formulieren und der Kontrolle von Regelungen, welche dem Ausufern der Kreativität des Einzelnen zwar Grenzen setzt aber bewusst auch Freiräume lässt für Kunst und Künstler. Diese Regelungen und Gesetze sind die Spielregeln für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Der Staat versagt, wenn er dieser Aufgabe nicht oder nur unzulänglich nachkommt.
Das «Spielerische» als Möglichkeit
jeglichen menschlichen Handelns
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass bei jedem Handeln des Menschen, sei es im Umgang mit den Objekten der äusseren Welt, sei es in Sprache oder im Denken das Element Spiel respektive die Möglichkeit zum Kunstwerk, zur Kunst enthalten sein kann. Dies in stärkerer oder schwächerer Form. Hier schliesst sich der Kreis zu Friedrich Schiller und seinen Ausführungen «Über die ästhetische Erziehung des Menschen», den wohl inspirierendsten Texten zum Phänomen Spiel und in unserem Verständnis auch zum Phänomen Kunst, welche der grosse Autor im Jahr 1795 veröffentlichte. In seinem fünfzehnten Brief fasst er es zusammen:
«Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.»
Dies wird möglich, wenn dieses nach Neuem Suchende sein Wirken leitet. Kunst, Erfinden, Kreieren bedeutet Unterwerfen, ohne nach links und rechts zu schauen, ohne Rücksicht auf Mode und erst viel später als Anpassung an gesellschaftliche Normen und Werte. Der Künstler wird so nicht nur zum Erzeuger eines Kunstwerks sondern auch zum Erzeuger von Kultur. Um in die Zukunft extrapolieren zu können, sei dies als Künstler im klassischen Sinne oder als Wissenschaftler und um damit seinem Auftrag als Schöpfer von kultureller Veränderung gerecht zu werden, muss ihm Freiheit gegönnt werden, Freiheit mit all ihren Gefahren. Vermittlung künstlerischer Freiheit als Gratwanderung der Verantwortlichen unserer Gesellschaft zwischen Gegebenem und Zukünftigem.
DA EMPOLI Giuliano (2024/1) Der Magier im Kreml.
München, Penguin
CSIKSZENTMIHALYI Mihaly (2008/14) Flow. Das Geheimnis des Glücks.
Klett-Cotta, Stuttgart
PIAGET Jean (1996/4) Nachahmung, Spiel und Traum.
Klett-Cotta, Stuttgart
SCHILLER Friedrich (2009) Über die ästhetische Erziehung
(Kommentar von Stefan Matuschek)
Frankfurt: Suhrkamp
München, Penguin
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